Wien im Herbst: Wenn Sturm in den Gläsern steht

Der Wiener Herbst hat einen eigenen Geruch. Er riecht nach nassem Laub in den Weingärten von Nussdorf, nach jungem Traubensaft und ein bisschen nach Kastanien, die am Straßenrand geröstet werden. Wer die Stadt zwischen September und Ende Oktober besucht, erwischt genau den Moment, in dem Wien am wenigsten Postkarte und am meisten Alltag ist – und gerade deshalb am schönsten.

Sturm, Heuriger und die Kunst des Sitzenbleibens

Sturm ist kein Getränk für Eilige. Der halbvergorene Traubenmost schmeckt süß, prickelt harmlos und hat mehr Alkohol, als man ihm zutraut. Man trinkt ihn dort, wo er entsteht: beim Heurigen, in den Winzerdörfern am Stadtrand.

Meine ehrliche Empfehlung: Lassen Sie die großen, mit Bussen angefahrenen Lokale in Grinzing links liegen. Fahren Sie stattdessen nach Neustift am Walde, Stammersdorf jenseits der Donau oder nach Mauer im Süden. Ein echter Heuriger erkennt man am ausgesteckten Föhrenbusch über der Tür – das bedeutet, der Winzer schenkt gerade eigenen Wein aus. Buschenschank heißt das im Fachjargon.

Dazu isst man kalt vom Buffet: Verhackertes, Grammelschmalz, Liptauer, Blutwurst. Kein Kellner drängt. Man bleibt, bis die Laternen angehen und der Nebel von den Hügeln kriecht.

Zu Fuß durch die Weingärten

Wien ist die einzige Millionenstadt mit nennenswertem Weinbau innerhalb der Stadtgrenzen – ein Umstand, den die Wiener selbst oft vergessen. Der Herbst ist die beste Zeit, das zu Fuß zu erleben.

  • Der Stadtwanderweg 1 führt vom Kahlenberg durch die Reben oberhalb von Nussdorf, mit weitem Blick über die Stadt bis zur ungarischen Tiefebene.
  • Wer es ruhiger mag, geht in Stammersdorf den Kellergassen entlang – enge Wege, gesäumt von uralten Weinkellern.

Festes Schuhwerk genügt, die Wege sind gut markiert und in ein bis zwei Stunden zu schaffen. Belohnung wartet unten immer.

Laufen im Herbstlicht

Wer die Stadt lieber im Laufschritt entdeckt: Die Herbstsaison bringt kühle, klare Morgen, ideal fürs Training. Die Runde entlang des Donaukanals und der Donauinsel ist bei Läufern nicht ohne Grund Kult – flach, autofrei, kilometerweit. Selbst wer keinen Startplatz bei einem Lauf hat, findet hier die netteste Art, sich das abendliche Achtel Wein zu verdienen.

Praktisches

Der öffentliche Verkehr bringt Sie zuverlässig in die Weinorte – die Bim (Straßenbahn) Linie D endet praktisch in Nussdorf, die 31er fährt nach Stammersdorf. Ein Auto brauchen Sie nicht, und bei Sturm im Glas wäre es ohnehin die schlechtere Idee.

Reservieren lohnt sich nur an den Wochenenden, wenn auch die Wiener ausschwärmen. Unter der Woche setzt man sich einfach dazu.

Und ein Rat zum Timing: Die Sturm-Saison ist kurz und wetterabhängig. Kommt ein warmer September, ist der Most früher reif; ein kühler Oktober zieht ihn in die Länge. Fragen Sie beim Winzer nach – Herbst in Wien richtet sich nicht nach dem Kalender, sondern nach den Trauben.

Wien im Herbst: Wenn Sturm in den Gläsern steht