
Zürich im Spätherbst: Wenn der Wein reif ist und der erste Schnee ruft
Es gibt ein kurzes Fenster zwischen Mitte Oktober und Anfang November, in dem Zürich zwei Jahreszeiten gleichzeitig spielt. Unten am See leuchten die Weinberge kupferrot, oben auf den Gipfeln liegt schon der erste Schnee. Wer die Enge zwischen Sommerhitze und Skitrubel sucht, findet hier genau den richtigen Moment – und mit den direkten Verbindungen ab Tel Aviv ist man in gut vier Stunden mittendrin.
Der Wein liegt näher, als man denkt
Die wenigsten rechnen mit Weinbergen so nah an einer Finanzmetropole. Doch am Zürichsee, rund um Meilen, Stäfa und Herrliberg, wird seit Jahrhunderten gekeltert – vor allem Blauburgunder und Räuschling, eine fast vergessene Rebsorte, die es kaum irgendwo sonst gibt.
Zur Herbstsaison öffnen viele Familienweingüter ihre Keller. Der beste Zugang ist der Genussweg entlang der «Goldküste»: Man nimmt die S-Bahn bis Meilen, wandert eine Stunde durch die Reben und kehrt unterwegs in einer Besenwirtschaft ein – einfache Beizen, die nur zur Ernte öffnen. Sauser (der junge, noch gärende Traubenmost) und eine Platte mit Zürcher Chäs gehören dazu. Reservieren lohnt sich, die Plätze sind begehrt.
In der Stadt selbst ist das Restaurant Kronenhalle die klassische Adresse für einen Abend mit lokalem Pinot und Kunst an den Wänden – aber ehrlich: Die kleineren Weinbars im Kreis 4, etwa rund um die Bäckeranlage, bieten mehr Charakter zum vernünftigeren Preis.
Wo der Herbst am schönsten brennt
Für die Blätterfarben braucht es keinen weiten Weg. Der Uetliberg, Zürichs Hausberg, ist in 20 Minuten mit der Bahn erreicht und bietet an klaren Tagen Sicht bis zu den schneebedeckten Alpen – der beste Beweis für das Zwei-Jahreszeiten-Phänomen.
Wer mehr Farbe will, fährt ins Sihltal oder rund um den Greifensee, wo sich ein flacher Rundweg (gut zwei Stunden) durch Schilf und Laubwald zieht. Nebeltage sind im Spätherbst Realität – aber gerade dann steigt man auf den Uetliberg und steht plötzlich über dem Nebelmeer in der Sonne.
Der Ski-Auftakt liegt in der Luft
Anfang November spürt man in Zürich schon das Kribbeln der Wintersaison. In den Sportgeschäften an der Bahnhofstrasse werden die Ski gewachst, und die ersten Gletschergebiete melden Öffnung. Andermatt ist per Zug in rund zwei Stunden erreichbar – ideal für einen ersten Schnee-Tag, ohne dass man schon in die Hochsaisonpreise gerät.
Praktischer Tipp: Wer beides verbinden will, plant den Weinausflug für die erste Reisehälfte (die Trauben warten nicht) und den Bergtag ans Ende, wenn die Schneelage stabiler ist.
Ehrlich gesagt
Zürich ist kein Schnäppchen, und der Spätherbst ist wetterlaunisch. Aber genau darin liegt der Reiz: leere Wanderwege, warme Beizen, echter Sauser und Berge, die sich schon weiss färben. Packen Sie wasserfeste Schuhe und eine warme Schicht ein – und lassen Sie Zeit für einen langen Nachmittag im Weinberg. Das ist das Zürich, das die meisten Reisenden verpassen.